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Ein gut gefüllter Beutel für 1,50 Euro

Veröffentlicht in Presse

Von Kathrin Schade


Ansturm. ASB eröffnete am Freitag eine Tafel für bedürftige Gröditzer in der Fröbelstraße. Über 100 Hartz-IV-Empfänger sind dankbar dafür.

Was? Für 1,50 Euro solch einen großen Einkaufsbeutel voller leckerer Sachen?“ Die junge Frau kann es gar nicht fassen. Tränen kullern ihr über die Wangen. Mit zittrigen Händen greift sie nach der Tasche, schaut hinein und sagt: „Nudel- und Kartoffelsalat, Kekse, Würstchen, Kuchen, Brot… – so viel auf einmal für meine Kinder und mich. Das konnte ich mir schon lange nicht mehr leisten.“
Die 28-Jährige zählte zu den über 100 Hartz-IV-Empfängern, die am Freitag vor der neu eröffneten Tafel des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Gröditz Schlange standen. „Immer freitags ab 8 Uhr geben wir in der Fröbelstraße 18a, dem ehemaligen Reparaturstützpunkt der Wohnungsgenossenschaft Gröditz eG, Nummern an Bedürftige aus. In dieser Reihenfolge werden dann in der Zeit von 12 bis zirka 14 Uhr die Lebensmittel verteilt“, erklärt Reinhard Voss. Der 56-Jährige ist sozusagen der Koordinator dieser Tafel. Er kümmert sich darum, dass die Waren von Spendern wie den hiesigen Einzelhandelsmärkten Lidl oder Rewe, der Bäckerei Raddatz oder dem Fruchthof Stauda abgeholt werden.

Unterstützt wird er von Regina Litla, Inge Hausmann, Peter Krondak, Hans-Dieter Hausmann und Niklas Weber. Sie alle sind 58 Jahre alt und zählen zu den Ein-Euro-Jobbern. Mit flinken Händen packt Regina zig Stückchen Mohn-, Streusel- und Quarkkuchen ein, während Inge zahlreiche Brote durchschneidet und Peter das Obst und Gemüse sortiert. Viele Stiegen und Kartons voller Lebensmittel stehen aneinander gereiht auf den Ausgabetischen. „Alles muss bis zur Eröffnung 12 Uhr bestens vorbereitet sein, damit das Eintüten flutscht. Die Bedürftigen nicht so lange warten müssen“, betont Reinhard Voss. 112 Tafelausweise sind bereits ausgestellt worden, „und die Nachfrage wird noch größer werden“, weiß Ilona Urban. Selbst seit 1998 arbeitslos und Hartz-IV-Empfängerin, unterstützt sie ehrenamtlich den ASB bei der Tafel-Aktion. Währenddessen wird draußen die Schlange immer länger. Silke H. (Name geändert) wartet geduldig. Sie hält die Nummer 65 in der Hand. Es wird also noch eine ganze Weile dauern, bis die 44-Jährige an der Reihe ist. „Meine Tochter hat auch solch einen Tafelausweis, aber sie schämt sich herzukommen“, erzählt sie. 24-jährig, allein stehend mit zwei schulpflichtigen Kindern monatlich mit 228 Euro auskommen – „jemand, der Geld verdient, kann das gar nicht nachvollziehen“, sagt die besorgte Mutter. Und erhält dafür zustimmendes Kopfnicken von den übrigen Wartenden. Aber schön zu wissen, dass wir armen Schlucker doch noch Hilfe bekommen“, zeigt sich eine ältere Frau dankbar. Während weiter hinten ein junger Mann zynisch zischt: „Dafür behandelt der Staat uns arme Schlucker wie den letzten Dreck.“

Weitere Infos zur Tafel-Aktion in Gröditz gibt es in der ASB-Geschäftsstelle Gröditz, Bahnhofstraße 20, 035263/43 340.

 

Quelle: sz-online/Sächsische Zeitung
Samstag, 5. November 2005