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Arbeit im Akkord statt lichteln und kuscheln

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Stress. „Oh du selige“? Für Bäcker, Kämmerer, Postler und Wirte ist die Adventszeit alles andere als ruhig und beschaulich.

Der Zettel an der Küchentür ist vielsagend: „Was unterscheidet uns vom Irrenhaus? – Nur die Telefonnummer“, steht dort geschrieben. Die Köchin im Bowlingtreff Beiersdorf hat ihr Stressgefühl in einen Witz verpackt. Eine Weihnachtsfeier jagt in der Gaststätte die nächste. Für Chefin Peggy Ruckau ist das kein Grund, sich zu beschweren. Das Weihnachtsgeschäft hilft, die Flaute im Sommer auszugleichen. An diesem Abend rollt die Kugel in zwei Schüben. Die erste Schicht startet gegen 18 Uhr. Die zweite Gruppe hat ab 21 Uhr alle Bahnen reserviert. „Zu uns kommen Familien, aber auch Vereine und Firmen. Das geht von sechs bis 60 Personen“, sagt Peggy Ruckau. Erst werde gegessen. Anschließend gibt man sich die Kugel. „Die Leute hauen ganz schön rein. Vor allem wenn sie nicht selbst bezahlen müssen“, sagt Peggy Ruckau.

Post für die Kinder im Westen

Hinter Stapeln von Postsendungen versinkt Monika Kranzusch in Zabeltitz. „Das traditionelle Weihnachtspäckchen gibt es wieder“, sagt die Leiterin der Post-Service-Filiale. Wie früher gehen Stollenpakete in den Westen hinüber. Empfänger sind allerdings nicht die Westverwandten. „Viele Familien wurden auseinander gerissen“, sagt Kranzusch. Die Kinder mussten zur Lehre in den Westen. Jetzt schicken die Eltern Care-Pakete nach München, Frankfurt am Main oder Stuttgart. Was wäre Weihnachten ohne Crottendorfer Räucherkerzchen, Pulsnitzer Lebkuchenspitzen und Dresdner Christstollen?

Bäcker Werner Raddatz in Gröditz bestätigt die anhaltende Beliebtheit des süßen Striezels. „Was jährlich zunimmt, ist der Anteil von Probierpackungen mit geschnittenem Stollen“, sagt der Großbäcker. Niemand kauft gern die Katze im Sack. Statt einen ganzen Stollen zu horten, kosteten sich die Leute scheibchenweise über Mohn-, Mandel- und Schokoladenfüllung bis zu ihrem Lieblingsstriezel durch. Für Raddatz’ Stollenspezialisten in der Dresdner Filiale bedeutet das: Backen im Akkord.
Eine „schöne Bescherung“ haben sich die Mannen vom Forstamt Großenhain bereitet. „In den vergangenen fünf Jahren sind auf unserer Plantage die ersten eigenen Weihnachtsbäume gereift“, sagt Amtsleiter Detlef Albrecht. 2003 mussten noch Kiefern und Fichten aus dem Erzgebirge importiert werden. Die dürfen sich nun andere Abnehmer suchen. Einen Haken hat die schöne Idee allerdings: Das Forstamt verfügt aus Sparsamkeitsgründen über keine Waldarbeiter mehr. Die Forstmänner müssen selbst zur Säge greifen. Am 7. Dezember, 10 Uhr startet der Verkauf der original Großenhainer Bäume im Kleinthiemiger Forstamt.

Jahreswechsel im Nacken

Weniger das Weihnachtsfest als vielmehr der Jahreswechsel sitzt den Mitarbeitern der Großenhainer Kämmerei im Nacken. „Wir überprüfen alle Forderungen der Stadt, ob sie von Verjährung bedroht sind“, erklärt Kämmerin Elke Opitz. Wer beim Rathaus in den Miesen steht, werde gemahnt und zum Begleichen seiner Außenstände gedrängt. Andere Kolleginnen widmen sich den Fördertöpfen. „Wo hat die Stadt etwas bewilligt bekommen, aber das Geld noch nicht abgerufen?“ lautet die Gretchenfrage. In ihrer nüchternen Art kann Elke Opitz diesen Arbeiten nichts Ungewöhnliches abgewinnen. „Das ist charakteristisch für die Stadtkasse“, sagt sie. Und wem die Zahlen über den Kopf wachsen, muss nur sein Bürofenster öffnen. Vom Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus steigt Glühweinduft nach oben.

 

Quelle: sz-online/Sächsische Zeitung
Samstag, 4. Dezember 2004